Warum wir Dinge aufschieben, obwohl wir sie längst tun könnten
Das Aufschieben hat einen schlechten Ruf. Dabei erzählt es oft mehr über unsere Gefühle als über unsere Faulheit.
Der Wäschekorb steht seit Dienstag im Flur. Die Steuererklärung wartet in einem Ordner, der so tut, als sei er unsichtbar. Und die Mail an den alten Freund, die eigentlich nur drei Sätze braucht, verschiebt sich Tag um Tag ins nächste Vielleicht. Wir kennen das Muster, und wir kennen auch den kleinen Stich, der uns jedes Mal begleitet, wenn wir daran vorbeigehen. Merkwürdig ist nur: Die meisten dieser Dinge wären in wenigen Minuten erledigt. Wir schieben also nicht, weil die Aufgabe groß ist. Wir schieben, weil etwas anderes im Weg steht.
Nicht die Aufgabe, sondern das Gefühl
Wer genauer hinschaut, entdeckt schnell, dass Aufschieben selten mit dem Inhalt einer Tätigkeit zu tun hat. Es hat mit dem Gefühl zu tun, das die Tätigkeit auslöst. Die Steuererklärung ist nicht schwierig, aber sie ist verbunden mit einer diffusen Angst, etwas falsch zu machen. Die Mail an den Freund ist nicht lang, aber sie erinnert daran, dass zu viel Zeit vergangen ist und man sich dafür ein bisschen schämt. Das Telefonat mit der Behörde ist banal, aber es riecht nach möglichem Widerstand am anderen Ende der Leitung.
Aufschieben ist, so betrachtet, eine kleine Fluchtbewegung. Nicht vor der Arbeit, sondern vor dem unangenehmen Zwischengefühl, das die Arbeit begleitet. Und weil das Vermeiden kurzfristig tatsächlich funktioniert – die Anspannung sinkt in dem Moment, in dem wir uns abwenden –, lernt unser Nervensystem eine trügerische Lektion: Wegschauen hilft. Nur leider kehrt das Gefühl später zurück, oft verstärkt, weil sich der Berg inzwischen ein wenig aufgetürmt hat.
Wir schieben nicht die Aufgabe auf, sondern das Gefühl, das an ihr klebt.
Der Zukunfts-Ich-Trick
Ein zweiter Grund liegt in einer charmanten Selbsttäuschung. Wir behandeln unser zukünftiges Ich wie eine andere Person – eine Person, die ausgeruhter sein wird, disziplinierter, mit mehr Zeit und mehr Lust. „Das mache ich morgen früh, da bin ich frisch”, sagen wir, und meinen damit jemanden, der wir am Morgen selten sind. Das Ich von morgen erbt die Aufgaben von heute, ohne gefragt zu werden, und wundert sich dann, warum der Stapel gewachsen ist.
Interessant ist, dass wir diesen Mechanismus fast nie bemerken, solange wir mitten drin sind. Erst im Rückblick sehen wir die Kette aus lauter kleinen Vertagungen. Genau darin liegt aber auch eine Chance: Wer das Muster einmal benennt, kann ihm im Moment des Aufschiebens zusehen, statt ihm nur ausgeliefert zu sein.
Kleine Bewegungen statt großer Vorsätze
Was hilft, ist selten der große Vorsatz, ab jetzt alles sofort zu erledigen. Solche Vorsätze halten meist bis zum ersten anstrengenden Nachmittag. Nützlicher sind kleine, fast lächerlich niedrige Einstiege:
- Die Aufgabe so weit verkleinern, dass sie sich nicht mehr lohnt aufzuschieben („nur den Ordner öffnen”).
- Sich zwei Minuten geben statt einer ganzen Stunde – zwei Minuten sind fast immer machbar.
- Das begleitende Gefühl kurz benennen, bevor man beginnt („Ich habe Angst, es falsch zu machen”). Ausgesprochen verliert es oft an Größe.
Der Reiz dieser Mini-Schritte liegt darin, dass sie den unangenehmen Startmoment umgehen. Denn meistens ist nicht das Tun schwer, sondern das Anfangen. Ist der erste Schritt gemacht, trägt uns häufig eine Art Eigenschwung weiter. Der Wäschekorb ist plötzlich ausgeräumt, obwohl wir uns nur vorgenommen hatten, ihn anzusehen.
Und schließlich hilft ein milderer Blick auf uns selbst. Aufschieben ist kein Charakterfehler, sondern eine sehr menschliche Reaktion auf Unbehagen. Wer sich dafür verurteilt, legt zum ursprünglichen Zwischengefühl noch Scham obendrauf – und macht das Anfangen damit noch schwerer. Freundlichkeit mit sich selbst ist hier keine Nachsicht, sondern erstaunlich praktisch.
Manches, was wir aufschieben, verdient übrigens durchaus, liegen zu bleiben. Nicht jede Aufgabe muss getan werden, nur weil sie auf einer Liste steht. Die Kunst besteht darin, zu unterscheiden: Schiebe ich das hier auf, weil es unwichtig ist – oder weil es sich unangenehm anfühlt? Die Antwort auf diese Frage verändert oft schon, was als Nächstes passiert.